Wohnungsbau – wirtschaftliche Bauweisen?!

Der Wohnungsbau ist nun endgültig wieder in den Mittelpunkt politischen und gesellschaftlichen Interesses gerückt. Leider bauen wir konsequent, und das schon seit Jahren, an der eigentlichen Kernaufgabe vorbei: Der notwendigen Schaffung bezahlbaren Wohnraums in einem nennenswerten und bedarfsgerechten Umfang.

Angesichts dieser Herausforderungen ist es nicht verwunderlich, dass nach vermeintlich einfachen Lösungen gesucht wird, um kostengünstiger an die Erstellung von Wohnraum heranzukommen. Die Schaffung von baulichen Lösungen in Serie („Serielles Bauen“) scheint daher auf den ersten Blick eine vernünftige Forderung an die am baulichen Prozess Beteiligten zu sein, um Kostensenkungen zu erreichen.

Auf den zweiten Blick stellt sich das Thema differenzierter dar. Das serielle Bauen lebt, wenn es wirtschaftliche Effekte erzielen soll, von Skaleneffekten. Skaleneffekte erzielt man nur durch Masse. Die Erstellung von Wohnraum hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten von diesem Gedanken weitgehend verabschiedet und auf eher individuelle Lösungen gesetzt. Das mittelgroße Gebäude ist das Mehrheitsprodukt im deutschen Mietwohnungsbau, geschaffen von einer mittelständisch geprägten Bau- und Wohnungswirtschaft, geplant von eher kleineren Architektur- und Ingenieurbüros.

Der so entstandene Wohnraum ist an die aktuellen Anforderungen des Marktes angepasst und genügt den zeitgemäßen Komfort- und Qualitätsansprüchen. Aus Fehlern der Vergangenheit wurde gelernt, dass sich die bauliche und städtebauliche Maßstäblichkeit an einem modernen Leitbild von Stadtkultur orientiert. Vor allem aber wird der Vielfalt heutiger Nutzeransprüche Rechnung getragen.

Dies alles muss nicht im Widerspruch zu serieller Fertigung stehen. Es steht aber mindestens im Widerspruch zu einem Einzug industrialisierter Produktionsweisen deutlich höheren Umfangs im deutschen Wohnungsbau. Viel eher passt die Verwendung typisierter Gebäude und Grundrisse („Typisiertes Bauen“), ohne dogmatische Materialvorgabe – wie es beim seriellen Bauen zwangläufig dazu gehört – zu den zeitgemäßen Anforderungen im Wohnungs- und Städtebau.

Tatsächlich müsste die Bezeichnung für eine Wiederholung von Elementen, Details und Typisierung von Konstruktionen korrekterweise „Standardisiertes Bauen“ genannt werden. Denn standardisiertes Bauen ist der Oberbegriff für die beiden Hauptrichtungen von Baukonstruktionen, die sowohl von der Erzeugung von Skaleneffekten als auch von Rationalisierung durch Wiederholung und natürlich auch von Fehlerminimierung und deren Effizienz Gebrauch machen.

Ein Detail, ein Bauelement, das sich wiederholt, muss in sich stimmig sein und sollte auch regionalen baukulturellen Ansprüchen genügen. Architektonische Qualität entsteht nicht durch Individualisierung, wie sie auch nicht durch serielle Produktion zwangsläufig leiden muss.

Die Einspareffekte im Bereich des seriellen Bauens sollten auch nicht überschätzt werden. Nach jahrzehntelangen Erfahrungen – insbesondere in Schleswig-Holstein – mit Typengebäuden und -bauteilen, die mit hoher Marktdurchdringung errichtet wurden, konnten niemals bauwerkskosten-wirksame Einspareffekte von mehr als 15 Prozent realiter nachgewiesen werden.

Dies ist insbesondere heutzutage wichtig, wo die Primärkonstruktion des Gebäudes einen immer geringeren Anteil an den Bauwerkskosten unserer Wohngebäude hat und der technische Ausbau (Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektro) deutlich kostentreibender wirkt. Serielle Bauweisen hätten also insbesondere dann eine kostenmäßige Auswirkung, wenn sie die technische Ausstattung unserer Gebäude sowie Teile der Ausbaugewerke umfassen. Doch auch hier gilt: Mindestens mehrere hundert Wohnungen sind notwendig, um spürbare Kosteneffekte zu erzielen.

Typisiertes Bauen bedeutet dabei: rationelles Bauen. Rationelles Bauen heißt, es werden möglichst großformatige Elemente, z. B. Planelemente im Mauerwerksbau, verwendet, um eine intelligente und rationelle Konstruktion- und Baustellenlogistik zu ermöglichen. Das wichtigste aber ist, dass es sich um erprobte Grundrisse und Gebäude handelt, die in verschiedener Konfektionierung und angepasst an die jeweiligen Anforderungen an das jeweilige Grundstück und die Standortvorgaben, zugeschnitten werden.

Meist handelt es sich um Typgengrundrisse, die z. B. orientiert an Fördervorschriften der jeweiligen Bundesländer oder Städte mit unterschiedlichen Grundrisszuschnitten, die zu jeweiligen verschiedenartigen Erschließungstypen, z. B. Zwei-, Drei- oder Mehrspännern, variabel platziert werden können.

Das serielle Bauen ist eine klar industrialisierte Bauweise. Hier werden in der Regel Module, z. B. auch ganze Raum- oder Wohnungsmodule, vorproduziert und dann auf der Baustelle zusammengesetzt. Auch handelt es sich in der Regel um die Vorfertigung von großflächigen Wand- und Strukturelementen, die durch die jeweilige Vorproduktion in industrialisierter Fertigung selbstverständlich nicht mehr materialoffen sein können, sondern geprägt von dem jeweiligen Grundmaterial ihrer Hauptstruktur sind.

Typisiertes Bauen versus serielles Bauen

Der Hauptunterschied von den beiden Konstruktionsarten typisiertes und serielles Bauen ist, dass das typisierte Bauen in der Regel deutlich flexibler auf die individuellen Anforderungen von Grundstücken, Standorten und Umgebungsbebauungen reagieren kann. Das serielle Bauen ist deutlich stärker von der jeweiligen, für die rationelle Fertigung der Module oder Serienelemente geprägten Raster- und Maßstruktur abhängig. Abweichungen von dogmatischen Rastermaßen bedeuten in der Regel einen erheblichen Aufwand und machen das serielle Bauen nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber rationellen und flexiblen Bauweisen.

Der direkte Kostenvergleich zahlreicher ausgeführter Projekte im Wohnungsbau in den letzten drei Jahren in Deutschland zeigt, dass im Median das serielle Bauen derzeit mit ca. 2.080 Euro/m² Wfl. realisierte Bauwerkskosten zu Buche schlägt. Das typisierte Bauen, das wie der sonstige, überwiegende Wohngebäudemarkt auch vom Mauerwerksbau geprägt ist, liegt mit 1.950 Euro/m² Wfl. im Median mehr als 6 Prozent darunter. Beim individuellen Bauen, das immer noch den hauptsächlichen Planungs- und Ausführungsschwerpunkt im Wohngebäudesektor darstellt, liegt das Median-Gebäude mit ca. 2.300 Euro/m² Wfl. deutlich darüber.

Der momentane Kostendruck, der auf der Erstellung von Wohngebäuden liegt, ist vielschichtiger als die Optimierungsoptionen der reinen Bauwerkserstellung. Eine Vielzahl qualitativer Standards, normativer und gesetzlicher Anforderungen sowie projektspezifischer Eigenschaften spielen bei den Gesamtkosten des Bauens eine viel größere Rolle.

Rationalisierung kann hier natürlich auch Vorteile bieten, allerdings ist dabei mehr gefragt als die serielle Produktion von Gebäuden oder Gebäudeteilen, vielmehr ist der gesamte Entstehungsprozess einschließlich der Genehmigungsphase und das Zusammenspiel von Behörden, Planung und Ausführung zu beachten und zu optimieren, ansonsten werden jegliche Rationalisierungsbestrebungen zwangsläufig verpuffen.

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