Mieter blicken auf Mietvertrag

Bürokonzepte für eine neue Arbeitswelt

Der Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte 1930, dass bis zum Jahr 2030 die durchschnittliche Arbeitswoche aufgrund des technischen Fortschritts auf 15 Wochenstunden gesunken sein werde. Davon sind wir 2019 noch weit entfernt.

Vergangenes Jahr erst hat der Achtstundentag sein 100-jähriges Bestehen gefeiert, der durchschnittliche Vollzeitbeschäftigte arbeitet immer noch mehr als 38 Stunden pro Woche. Doch auch wenn sich das „Wie lange“ in den letzten knapp hundert Jahren (noch) nicht signifikant geändert hat – das „Wie“ ist heute vielfältiger denn je und wird sich auch zukünftig weiter wandeln.

So ermöglichen Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie zunehmend zeitlich und räumlich flexibles Arbeiten, wobei ein weiterer Entwicklungsschub vom 5G-Standard ausgehen könnte, der Datenübertragung in Echtzeit ermöglichen wird.  All das trägt dazu bei, dass die Dominanz des klassischen „9-to-5-Job“ mit festen Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht im Büro aufgeweicht wird. Arbeitsorte zeigen sich vielmehr immer flexibler und vielfältiger. Ob man von zu Hause arbeitet, in der Bahn, beim Kunden oder im Hotelzimmer – nahezu alles ist heute möglich.

Klassische Arbeitsstrukturen auf dem Prüfstand

Neben dem Technologiewandel stellen die jungen Generationen mit ihren Wertemustern und Forderungen die klassischen Arbeitskulturen auf den Prüfstand, und der demografische Wandel begünstigt ihre Verhandlungsposition. Mit dem Berufseintritt junger Generationen (bereits 11 Mio. Berufstätige der Generation Y) wird die Belegschaft heterogener. Das betrifft ihre Qualifikationen, ihre Arbeitsweisen, aber auch ihre Wünsche, Erwartungen und Ansprüche an den Berufsalltag und den Arbeitgeber.

Ob Generation X, Y oder Z: Die Bürobeschäftigten von morgen sind technikaffin und lehnen klassische Arbeitsvorstellungen ab. Mit ihrem Berufseinstieg wird ein Umschwung postuliert, der die Arbeitswelt verändert und die Unternehmen vor neue Herausforderungen stellt. Denn diese gut ausgebildete Belegschaft ist im Vergleich zu vorangegangenen Generationen wesentlich offener dafür, das Unternehmen häufiger zu wechseln. Vor dem Hintergrund des zunehmend wahrnehmbaren Fachkräftemangels werden die Arbeitgeber damit zukünftig mehr denn je gefordert sein, mit attraktiven Arbeitsmodellen oder Bürokonzepten eine größere Loyalität unter Mitarbeitern zu schaffen.

Die neuen Arbeitswelten schlagen immer mehr auf die Büromärkte durch. Als eine Ausprägung lässt sich an vielen Stellen eine Abkehr von traditionellen Bürokonzepten feststellen. So drängen seit ein paar Jahren zunehmend flexible Bürokonzepte (bspw. WeWork) auf die deutschen Büromärkte, die multilokale Arbeitsweisen unterstützen und hinsichtlich der Vertragslaufzeiten, Anzahl der Arbeitsplätze, Anmietung und Kündigung höhere Flexibilität für den Mieter bieten.

Vorbei sind auch immer häufiger die Zeiten, in denen ein Büro einer Box mit Arbeitszellen und Schreibtischen glich und nur für Besprechungen oder Kantinenbesuche verlassen wurde. Der Trend geht klar hin zu offenen Raumlandschaften mit verschiedenen Bereichen, die je nach Aufgabe optional und flexibel vom Mitarbeiter genutzt werden können. Branchenübergreifend gewinnen Zonen für Kommunikation, Interaktion und spontanen bzw. zufälligen Austausch deutlich an Bedeutung. Ebenso werden Bürowelten immer wohnlicher.

„Das Büro wird zum Lifestyle Produkt. Ein Anwaltsbüro oder eine Zahnarztpraxis sieht heutzutage aus wie eine Werbeagentur vor 20 Jahren. Eine Werbeagentur sieht dagegen aus wie ein Nightclub“, so Bürokonzeptplaner Stephen Williams.

Das Büro der Zukunft wird jedoch nicht nur flexibler und modularer sein, sondern auch mittels intelligenter Sensorik immer mehr in der Lage sein, selbstständig Aufgaben zu übernehmen und aus dem Nutzerverhalten zu lernen. Hierfür werden unter dem Begriff „Smart Office“ zahlreiche Technologien und Funktionen subsummiert, die in modernen, vernetzten Büroflächen zunehmend Anwendung finden.  

Das Spektrum reicht von intelligenten Raumbuchungssystemen über die Analyse von Bewegungsströmen zur Optimierung von Klima- und Energiezonen bis zur individuellen Steuerung von Geräten, Licht und Temperatur am Arbeitsplatz. Unerlässlich dafür ist eine stabile und leistungsfähige Breitbandverbindung und die notwendige digitale Infrastruktur im Gebäude. Die Konnektivität von Büroflächen wird daher für Mieter immer wichtiger. Die Struktur eines zukunftsfesten Gebäudes muss laut Klaus Dederichs, Partner bei Drees & Sommer, „digital ready“ sein. D.h. es muss so konzipiert sein, dass es alle heute benötigten Systeme und Sensoren aufnehmen, aber auch an neue Anforderungen und Technologien angepasst werden kann.

Wir werden also flexibler und multilokaler in modularen, smarten Bürolandschaften arbeiten. Und wo werden wir arbeiten? Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels geht es nämlich auch um die Frage, wo sich die High Potentials konzentrieren, die ein Unternehmen voranbringen können – und wie man sie gewinnen kann.

Die Arbeits- und Bürowelt verlagert sich immer mehr an die Orte, die von den qualifizierten jungen Menschen bewusst als Lebensmittelpunkt ausgewählt werden. Ein Großteil der für den Arbeitsmarkt höchst relevanten Alterskohorte der 30- bis 35-Jährigen verlässt den ländlichen Raum und zieht in die großen deutschen Wirtschaftszentren.

Die Anziehungskraft der Gewinnerstädte wird nicht allein durch Universitäten, Arbeitsplätze, hohe Lohnniveaus und Karrierechancen bestimmt, sondern ebenso durch eine hohe Lebensqualität. Gerade die Großstädte punkten mit ihren urbanen und vielfältigen Milieus und einer großen Auswahl an Kultur-, Freizeit und Konsumeinrichtungen, die oft auf Singlehaushalte zugeschnitten sind.

Neben dem Bürostandort sowie der Erhöhung von Produktivität und Energieeffizienz des Gebäudes wird es auch für das Prestige und die Corporate Governance vieler Unternehmen immer wichtiger, sich in Sachen Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit eindeutig zu positionieren. Sowohl für Entwickler als auch Investoren bieten sich dabei Chancen, die Arbeitswelten von morgen mitzugestalten und Räume bereitzustellen, in denen wir in Zukunft anders arbeiten können als noch zu Keynes‘ Zeiten.

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